Manchmal denke ich ja schon: kneif‘ mich mal. Ist das real? Morgens bei Sonnenschein aufstehen, arbeiten und plötzlich die Frage: Willst Du – jetzt – Fallschirmspringen gehen? Klar will ich! Eh‘ ich mich versehe habe ich einen Overall sowie das Geschirr an und steige in ein Flugzeug.

Habe ich in einem solchen Moment Angst? Na klar! Trotzdem kommt da bei mir sofort ein Ja! So oft und gerne ich an Dingen zweifle, in so einer Situation kenne ich keinen Zweifel. Ich liebe „Abenteuer“ dieser Art, insbesondere wenn sie sich spontan ergeben.

„Was mache ich mit der Angst?“ fragte ich mich als wir auf 15,000 Fuß aufstiegen. Und: „Wovor genau habe ich eigentlich Angst?“

Zur ersten Frage erinnerte ich mich daran, dass die Angst im Vordergrund sein mag, dass da aber auch Freude ist. Ich versuchte, mehr an der Freude anzudocken, sie zuzulassen: Die Freude darüber, bei schönstem Wetter lebendig zu sein, die Welt von oben sehen und vor allem auch spüren zu dürfen. 

Wovor hatte ich konkret Angst? Da war eine unbestimmte Angst davor, ins Bodenlose zu „springen“ bzw. eher mich fallen zu lassen. Ich dankte meinem „System“ dafür, dass die Alarmanlage funktioniert, denn ehrlich gesagt ist das „Aus-dem-Flugzeug-Springen“ ja eine eher nicht so natürliche Betätigung für uns Menschen. Ich spürte auch Angst, dass der Fallschirm nicht funktionieren könnte bzw. ein menschlicher Fehler beim Fliegen oder Springen passieren könnte. Insoweit beobachtete ich die Prozedur des „Buddy Checks“ besonders genau um sicher zu gehen, dass ich fest verzurrt war, und entschied mich ausserdem bewusst dafür, meinem Tandem-Master sowie dem Piloten zu vertrauen.

Schon war ich aus dem Flugzeug draussen, im freien Fall, und genoss es! Die Welt stand erst einmal Kopf und ich spürte die Kraft des Luftwiderstandes, ohne dass ich diesmal das Gefühl hatte mir flöge die Haut aus dem Gesicht. Dann kam der schönste Teil: Der Fallschirm wurde geöffnet und wir glitten dahin, mit wunderbarem Blick auf den See und in die Weite. All das ungefiltert, ich spürte die Luft in meinem Gesicht. Ich durfte auch lenken und liebte die Pirouetten, die mir ein so schön kribbeliges Gefühl in der Magengegend verursachten. 

Längst überwog die Freude. Wir landeten sachte und schon war es wieder vorbei.

Ich schätze es sehr, die Angst und die Freude so nah beieinander wahrnehmen zu können. Und ich wünsche mir, dass die Angst wieder ihren gebührenden Platz in unserer Gesellschaft einnehmen darf – indem sie nicht als negativ abgestempelt und unterdrückt wird. 

Wie geht es Dir? Springst Du? Wie nimmst Du die Angst wahr? Stehst Du zu ihr und spürst Du auch andere Gefühle daneben – oder eher damit vermischt?

Foto (c) Taupo Tandem Skydiving (TTS)

5 thoughts to “Springst Du?

  • Yvonne Doritz

    Liebe Julia

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  • Yvonne Doritz

    lHallo liebe Julia,

    danke für deinen klaren Beitrag. Du bist ein großes „Talent des Lebens“, denn dir fällt es zu, deine Erfahrungen in Worte zu kleiden und andere Menschen damit anzuziehen…

    Das Gefühl des Springens kenne ich gut. Die ersten beiden Fallschirm-Tandemsprünge habe ich gemacht mit Anfang 30, damals für einen Autorenbeitrag für den NDR Kiel, wo ich damals als journalistische, freie Mitarbeiterin und Beitragsautorin so manch wunderbare Situation erleben durfte.

    Ich kann mich gut daran erinnern, wie glücklich mich dieser erste Sprung machte und wie wundervoll der ca. einminütige freie Fall von mir empfunden wurde, auch die außergewöhnlich klare Luft dort oben. Ich habe es genossen! Nach dem zweiten Sprung hatten wir alles „im Kasten“ und ich bastelte daraus 2 Beiträge für den Norddeutschen Rundfunk, Redaktion Kultur, Wissenschaft und Heimat, von sage und schreibe je 6 Minuten! Jawohl, je 6 Minuten! So etwas gibt es leider schon lange nicht mehr. Auch hier wird runter gekürzt und beschnitten.

    Den dritten Fallschirm-Tandemsprung erlebte ich vor ca. 3 Jahren in der Nähe von Berlin. Auch dies war wieder ein befreiendes Erlebnis, welches ich immer wieder genießen würde.

    Auch freue mich ich für dich, dass in deinem Leben sich offensichtlich ALLES bestens entwickelt und dass du glücklich zu sein scheinst. Du bist so beseelt und beschenkt und du bist auch dankbar dafür!

    Herzlichen Glückwunsch zu deinem Tante sein, ein weiteres Geschenk des Lebens!

    Liebe Grüße aus Berlin
    von Herzen
    Yvonne

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    • Julia

      Vielen Dank liebe Yvonne! Ich freue mich sehr über Dein Feedback und auch darüber, von Deinen Fallschirmsprüngen zu lesen! Ich schätze diese Abenteurerin in Dir.
      Herzlichen Gruß

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  • Markus Michl

    Leben im Fall, im freien Fall. im Vertrauen darauf, weich zu landen und vom Leben aufgefangen zu werden. Freude und Angst sind ein und dasselbe, sie bedingen einander und sind doch gleichzeitig irreal, nur eine Methode unseres Seins, das Leben wahrzunehmen und einzuordnen. Im freien Geist gibt es weder Freude noch Angst, es gibt nur reines Sein! Das ist mein Wunsch, diesem Sein näher zu kommen. Oft hänge ich noch fest, fahre mich fest, scheitere, zweifle, bin zornig (auf mich und das Leben), fahre erneut in eine Sackgasse- um dann irgendwann zu erkennen, dass das Leben immer perfekt ist und ich genau diese „Irrwege“ nochmal gebraucht habe. Das Suchen der eigenen inneren Bestimmung gehört zum Findungsprozess und gleichzeitig ist er Heilung. Von außen lässt sich dieser Prozess weder aufhalten, noch beschleunigen oder gar steuern (z.B. durch Kurse, Gurus, etc.). Nein, der ureigene Weg will gegangen werden, die Tiefs wollen genauso wie die Hochs gelebt/geliebt werden. In manchen Momenten durchflutet mich ein tiefes Wissen, eine Art Auflösung der Körperlichkeit und dann fühle ich wahres Sein. Ich weiß, diese Momente werden mehr und dann lebe ich das Leben, für das ich hierhergekommen bin. Bis dahin ist alles nur Vorbereitung und Reinigung von alten Mustern und Neurosen. Ich bin stolz auf mich, denn bis dato habe ich nie gekniffen und nie mein Ziel aus dem Auge verloren: Ein Leben in innerer Freiheit und Liebe zu allem ohne Bedingungen! Alles Liebe Markus

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    • JuliA

      Lieber Markus, vielen Dank für diesen Beitrag, fürs Teilen Deiner Weisheit, und auch für Deinen Mut, den Dir (ur-)eigenen Weg zu gehen. Alles Gute weiterhin dafür! Herzlichen Gruß

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