Jede „gute“ Geschichte braucht ein Opfer. Was wäre zum Beispiel der sonntägliche Tatort ohne ein Todesopfer? Was wäre „Pretty Woman“ ohne die Frauenfigur, die auf Rettung durch den Ritter auf dem weißen Schimmel wartet? Ja, was wäre Hollywood ohne die Opferrolle? Wo ein Opfer, da ein Täter, da ein Retter – bzw. eine Täterin, eine Retterin. Gibt es das Opfer nicht, dann entfallen auch die TäterInnen- und RetterInnen-Rollen. Muss eine Geschichte deshalb langweilig werden? Auf keinen Fall! Sie kann facettenreicher, lebhafter, bunter, und kraftvoller werden! Statt niederem Drama kann plötzlich hohes Drama stattfinden – Spaß auf hohem Niveau hat dann plötzlich Raum!

Das habe ich mir nicht selbst ausgedacht sondern basiert auf dem sogenannten „Dramadreieck“ aus der Transaktionsanalyse nach Stephen Karpman und dessen Weiterentwicklung durch Clinton Callahan und seine MitforscherInnen.

Das Interessante daran ist, dass wir diese Dramastruktur aus Film, Fernsehen und täglichem Leben so gewohnt sind, dass wir unsere Geschichten ebenfalls danach stricken. Dass wir die GeschichtenerzählerInnen unseres eigenen Lebens sind habe ich in einem anderen Artikel ausgeführt (Eine kleine Box-Geschichte). Wenn wir nun unsere Geschichten so kreieren, dass es Opfer, TäterIn und RetterIn gibt, dann begeben wir uns in ein niederes Drama. In einer solchen Seifenoper ändern sich die Rollen auch gerne mal schnell – gerade noch Opfer, schon TäterIn, und weiter zur RetterInnen-Rolle. Was schade ist an diesem niederen Drama ist, dass sich nichts verändert, außer dass die Zeit vergeht.

Die Opferrolle beschäftigt mich dieser Tage sehr stark, weil ich einigermaßen erstaunt beobachte, wie gekonnt ich mich immer wieder ins Opfer begebe. Ich habe mir diese Rolle über die Jahre offenbar so perfekt angeeignet, dass es sogar passieren kann, dass ich mir ihrer bewusst bin – und dann trotzdem wie in einem Automatismus gefangen die ganze Palette dramatischer Handlungen hervorzaubere, wenn mein Gegenüber nicht genau das tut, was ich von ihm erwarte: mit Schmollmund, Ignorieren und allem was dazu gehört. Gerade wenn es wie jetzt darum geht, mein Leben zu gestalten, kommt sie mir offenbar sehr gelegen um mich von dem abzuhalten, was mir wirklich am Herzen liegt. So suche ich nach Gründen, warum etwas nicht geht, warum ich etwas nicht kann, warum Dinge schwierig sind… (das geht bis hin zu körperlichen Symptomen wie Müdigkeit und Kopfschmerzen!) anstatt die Verantwortung zu übernehmen: Meine Zeit so einzuteilen, dass ich tue, was mir wichtig ist; herauszufinden, was es braucht, um bestimmte Dinge zu tun; auch, herauszufinden, worauf ich meine Energie verwenden will; und alles in meiner Macht stehende zu tun, um das dann umzusetzen – einschließlich, andere Menschen um Unterstützung zu bitten.

Wo ich kein Opfer bin, gibt es keine Täter oder Retter; stattdessen gibt es freudvolle Verantwortung für mich selbst und kreative Kraft – beides ein toller Treibstoff für Veränderung und zwischenmenschliche Begegnung.

Ich arbeite jetzt an einem neuen Drehbuch für meine Lebensgeschichten. Das Einstudieren mag dann noch etwas Zeit benötigen, doch ich werde dran bleiben – denn ich glaube, es lohnt sich. Wie sieht das bei Dir aus?

2 thoughts to “Opfergeschichten

  • Elisabeth

    DANKE LIEBE JULIA – wichtig ist beim einstudieren der neuen Geschichte viel ganz viel Spass zu haben. Und zu lachen. Viel zu lachen.
    DANKE

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    • JuliA

      Vielen Dank liebe Elisabeth, das ist eine sehr hilfreiche Erinnerung! Das vergisst meine strenge innere Stimme gerne mal! Spaß und Leichtigkeit machen das Leben bunter!

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