Ist Dir schon einmal in den Sinn gekommen, dass Dein Wissen Dir im Weg stehen könnte? Dabei ist Wissen doch so wichtig! Wir lernen von Kind an, Wissen anzusammeln. Sobald ich sprechen konnte schleuderte ich meinen Eltern, wenn sie mir etwas beibringen wollten, gerne entrüstet entgegen: „Weiss ich schon!“

Nun dämmert mir, dass es mir im Weg steht, (vermeintlich) zu „wissen“. Es grenzt mich von der Erfahrbarkeit meiner Umwelt ab. Wenn ich meine, zu wissen, verschließe ich mich der Erfahrung dessen, was ist – und der Möglichkeit, dass etwas anders sein könnte als ich meine.

Zu glauben, zu wissen was in einer anderen Person vorgeht, erlebe ich als ähnlich abgrenzend. Es hindert mich daran, diese Person in all ihren Facetten wahrzunehmen. Ich beraube mich der Möglichkeit, diese Person anders kennenzulernen als es meiner Vorstellung entspricht. Letztlich vermeide ich dadurch eine „wahrhafte“, ehrlich verbundene Begegnung. (Und es ist unglaublich arrogant, sich anzumaßen, zu wissen was in einer anderen Person vorgeht, schiebt die Scharfrichterin in mir hinterher.)

Dasselbe gilt dann wohl auch für mich selbst. Wenn ich meine, zu wissen wer ich bin, stehe ich dann nicht meiner eigenen Entwicklung im Weg? Beraube ich mich dann nicht der Möglichkeit, mich jederzeit neu zu erfinden?

Als ich neulich an einem Fluss stand überkam mich der Impuls, dem vorbeirauschenden Gebirgsfluss „mein Wissen“ zu übergeben, damit er es mitnehmen und in seine Einzelteile verwirbeln könne. Der Gedanke entspannte mich. Mal sehen, ob es hilft.

Vielleicht geht das mit dem Wissen sogar so weit, dass die Person, die ich zu wissen meine, zu sein, völlig auseinanderfallen, im übertragenen Sinn „sterben“, darf, damit ich die Person sein kann, die ich im innersten bin – die sich jederzeit neu erfinden kann: aus dem Nichtwissen heraus. Genauso wie das Wissen sich im Fluss verwirbelt, auseinanderfällt und völlig neu zusammensetzt.

Ein kurzer Text heute. Ich bin gespannt, was er mit euch macht.

4 thoughts to “Nichtwissen

  • Yvonne Doritz

    Liebe Julia,

    abgesehen davon, dass ich ohnehin sehr viel an dich denke, „erfasst“ mich dein heutiger Artikel tatsächlich an meinen Wurzeln. Um den Artikel besser lesen zu können, ruckelte ich den Tisch in meinem von Sonnenlicht durchfluteten Garten etwas zurecht und musste mit ansehen, wie meine Lieblingstasse unglücklich zu Boden stürzte und in viele Einzelteile zerbarst. Sie hatte die Aufschrift: „Enjoy your life“ Hm….

    Einer meiner frühen Lehrer hat es einmal so formuliert: Wissen ist Gelerntes, Weisheit ist Erfahrung! Dies habe ich stets zu leben versucht und trachtete von jeher mehr nach dem Prinzip Weisheit. Nun, sicher ist es auch weise, Einiges zu wissen… und ja, ich gehe ganz mit dir, wenn du es so formulierst, dass es gut ist, sein Wissen einem Fluss oder einem Meer oder dem Himmel zu übergeben.

    Meine innere Weisheit und auch die unendliche Intelligenz anrufend frage ich täglich nach „meinem jetzigen Weg und meiner jetzigen Lebensaufgabe und wie ich sie erkennen und zum Ausdruck bringen kann. Auch sehne ich mich nach DEM Platz in der Welt, an dem ich mich mehr dem Prinzip der intuitiven Wahrnehmung und dem bewussten Sein hingeben darf. Die Weisheit antwortet umgehend und ich weiß, dies geht überall und immer und in jedem Augenblick.

    Glaubenssätze wollen aufgelöst und neue Anker gesetzt werden. Familienthemen ploppen auf und schreien nach
    Auflösung und Heilung! Können Geist und Weisheit Hand in Hand gehen und alte Verletzungen heilen? Kann Vergebung wirklich vergeben oder ist Vergebung nur eine Überschrift? Kann meine Weisheit, meine Intuition, meine Inspiration durch die chronische Sympathogonie dringen und mich in einen parasympathischen Menschen verwandeln, der aus einer uniformierten Individualität ( Dr. Ulrich Mohr) wieder eine gelebte Individualität macht?
    (Interessantes Interview “ Unterdrückte Individualität – die Ursache aller menschlichen Probleme mit Prof. Michael Friedrich Vogt und Dr. Ulrich Mohr Quer-denken TV)

    In diesem Moment befolge ich deinen Rat und auch den Rat der hellfühligen Florence Scovel Shinn, die es so beschreibt: „Ich werfe meine Unkenntnis auf den Christus in mir und bin frei, zu empfangen“.
    Und zum Thema Be- und Verurteilung kann ich mich deiner „Scharftrichterin“ nur anschließen und finde für mich jedes Mal, wenn ich gerade wieder versucht bin, mir ein ganz sicher unnötiges Urteil zu erlauben, den Satz; „sei gesegnet, liebe Seele dieses Menschen und DANKE, dass ich anders sein darf.“

    Hab dank für deine Worte und dir weiterhin wundervolle Erfahrungen :-).

    Mit einem wärmenden Gruß aus meinen Herzen
    Yvonne

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  • JuliA

    Liebe Yvonne,
    herzlichen Dank für diesen mit Wissen und Weisheit gespickten Kommentar, der mir zahlreiche Anregungen gibt. Dass Deine Tasse sich von meinem Artikel vorausahnend derart inspirieren ließ um sich in viele Einzelteile zu zerlegen finde ich sehr spannend. Hast Du schonmal versucht, was Du neues aus ihr machen kannst? Vielleicht ein Mosaik für Deinen Garten? In Herzform? Ich spüre immer mehr, dass Liebe eine wunderbar kraftvolle Heilerin ist. Universale Liebe wie wir sie alle kennen und wie sie immer und zu jeder Zeit um uns ist.
    Vielen Dank für all die Liebe, die Du spürst und zeigst und lebst.
    Mit Aroha (wie die universale Liebe auf Maori bezeichnet wird),
    Julia

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  • ihn

    Dieser Beitrag ist sehr tiefsinnig und zeigt mir, dass Wissen auch Last , ja Balast sein kann, der nur schwer zu entsorgen ist. Ein sehr philosophischer Beitrag, der nicht so schnell von mir besprochen werden kann. Eine wahnsinnig gute Anregung zum phiosophieren über das Wissen und das Nichtwissen. Und darüber, ob ich überhaupt was weiß.

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  • Julia

    Vielen Dank liebe ihn für dieses Feedback! Ich hoffe, es regt auch zum ausprobieren an: einfach mal das Wissen etwas zurücknehmen im Kontakt mit sich selbst und anderen?

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