Bist Du Dir darüber bewusst, dass Du ein Korsett trägst, das Du mindestens jeden Morgen anlegst? Möglicherweise legst Du es abends ab, doch ich wage die Prognose dass Du das nicht tust und sogar mit ihm schläfst. Kein Wunder, dass Du morgens gerädert aufwachst, mit verspanntem Nacken, verspannten Schultern, Rückenschmerzen oder ähnlichem.

Dein Korsett ist die Zeit. Wir zwängen uns hinein und lassen uns darin gefangen nehmen.

Wann gehst Du schlafen? Hast Du eine feste Uhrzeit dafür, oder zumindest eine, die Du anpeilst – um dann mit schlechtem Gewissen auf die Uhr zu schauen und festzustellen, dass Du Dein Zeitziel nicht eingehalten hast? Du stellst Dir den Wecker und Dein erster Blick am Morgen gilt der Uhr. Als nächstes geht es darum, Startzeiten einzuhalten: sei es für Deine Arbeit, sei es für den Kindergarten oder die Schule Deiner Kinder. Arbeitest Du als Dienstleisterin, notierst Du gegebenenfalls Deine Arbeitszeiten pro Kunde und Aufgabe – bis hin zum 6-Minuten-Takt. In letzterem Fall spielt die nächste Zeitstation keine grosse Rolle: Mittagspause. Dazwischen können einige Termine und Besprechungen stattgefunden haben, die Deine Zeitloyalität erfordern. So geht es am Nachmittag weiter – es nähern sich die Zeiten für Kindergarten- oder Schulabholung und für viele der „Feierabend“. Hast Du Kinder, geht der Takt fröhlich weiter, denn die Kinder haben selbst schon einige Termine. Sitzt Du noch im Büro, dann notierst Du vermutlich noch Deine Zeiteinheiten. Irgendwann ist Zeit fürs Abendessen, um 20 Uhr läuft die Tagesschau, Du siehst einen Film und das war’s, es ist Zeit zum Schlafengehen. Vielleicht hast Du Dich auch für eine bestimmte Uhrzeit mit Freunden verabredet. Dann sieh zu dass Du pünktlich bist, bevor es dann Zeit für Dich ist, schlafen zu gehen.

Am Wochenende oder im Urlaub gestaltet es sich nicht sonderlich anders: zahlreiche Termine wollen eingehalten werden – und wenn es keine gibt, verschaffen wir uns welche. Auch ohne Termine sind wir auf Zeit getrimmt. Offenbar schauen wir Deutschen (Stand 2015) im Durchschnitt täglich 88 mal auf unser Smartphone – davon 35 mal kurzzeitig, etwa um die Uhrzeit zu überprüfen.

Keine Frage: Konkrete Zeitvereinbarungen sind für unser Zusammenwirken wichtig. Ich merke nur, wie ich mich in dieses Zeitkorsett teilweise so einzwänge, dass ich eine körperliche Anspannung spüre. Dann gebe ich meine ganze Aufmerksamkeit der Zeit. Mir fällt es schwer, das abzustellen – auch wenn ich inzwischen weiss, dass alles bei mir selbst anfängt (dazu mehr im nächsten Beitrag).

Wie wäre es, wenn wir nicht unsere Zeit absäßen oder ihr hinterher liefen, sondern sie lustvoll gestalteten? Das Zeitkorsett lockerten und uns auf die Aufgaben konzentrierten oder auf die Signale unseres Körpers? Wenn die Aufgabe erledigt ist, einfach mal nach Hause gingen um nichts bestimmtes zu tun? Eine Pause machten, weil der Körper müde ist und uns signalisiert, dass er eine Pause braucht?

Ich träume weiter und stelle mir eine Welt vor, in der wir schlafen, bis wir aufwachen, um dann das zu tun, das ansteht. Die Zeit ist dann nicht ein Korsett sondern lediglich ein luftiger Mantel.

Was machst Du mit der Zeit? Nimmst Du Dir „Aus-Zeiten“? Hast Du genug Zeit?

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